Dr. phil. Dirck Linck
Literaturwissenschaftler

“Man konnte draufkommen, daß das wichtigste Tier auf der Welt die Giraffe war. Daß all das, was die Menschen die ganze Zeit falsch gemacht hatten, und was sie weiterhin falsch machen würden, schon klar, wer hätte es ihnen verwehren oder gar ausreden sollen, nur deshalb falsch gemacht worden war, weil es keine Tradition bei den Menschen gab, sich Giraffen als Haustiere zu halten. Die Großzügigkeit, die eine richtige Hege und Pflege von Giraffen zwangsläufig fordert und lehrt, wäre es gewesen: die Eigenschaft, die die Menschen gut machen würde.”
Dietmar Dath

Veröffentlichungen u.a.

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Weitere Veröffentlichungen.

Zum Werk Hubert Fichtes

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Bei Transcript erschienen: Ein Band mit Beiträgen zu “Prekären Genres” und zum Genrebegriff vor dem Horizont von Derridas “La loi du genre”.
Darin mein Text zu Fichtes Übereinanderblendung von Roman und Feature.

Weitere Informationen hier

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23. November: Workshop “Funktionen des Anekdotischen”

Funktionen des Anekdotischen
Workshop des Teilprojekts B9 (Leitung: Prof. Dr. Joseph Vogl) im SFB 626 (Organisation: Dr. Dirck Linck)
Termin: 23. November 2012
Ort: Seminarraum der SFB-Villa, Altensteinstr. 2-4, 14195 Berlin

Herder rät dem Historiographen, sich der Anekdote zu enthalten, vermittle sie doch die Erkenntnis, „an wie kleinen Umständen die größesten Begebenheiten und Erfolge hangen“, und lasse eben deshalb Zweifel aufkommen an der Gesetzmäßigkeit und Vernünftigkeit des Geschichtsverlaufs. Die Anekdote erzähle davon, dass „das Schicksal ganzer Völker an die Torheit, den Neid, den Unverstand, oft an den Wahnsinn selbst, Eines oder Weniger geknüpft ist.“ Kleist wird die Anekdote aus eben diesem Grunde in Szene setzen.
Die Anekdote scheint durch eine Aufmerksamkeitsform bestimmt zu sein, die sich nicht auf Gründe, Tiefen und Wesenhaftigkeiten, sondern auf Umstände und Umständlichkeiten bezieht. Ihre Funktionen scheinen unauflöslich mit diesen Umständen verschlungen zu sein. Während die Frage „was ist“ mit einer onto-theologischen Schwere beladen ist und wohl seit Platon kaum anders kann, als sich auf verschüttete Wesenhaftigkeiten zu beziehen, muss sie umgekehrt alle anderen, umstandsbedingten Fragen in das Gebiet räsonierender Geschwätzigkeit vertreiben und eben damit zum Schweigen bringen. In Form der Anekdote kehren diese den Causeuren und Klatschbasen (Diener, Frauen, Homosexuelle) zugewiesenen Fragen zusammen mit den „illegitimen“ Stimmen immer wieder auf irritierende Weise aus dem Schweigen in die Diskurse und je spezifischen Text-„Welten“ zurück.
Das Interesse des Workshops gilt dem Einsatz der Anekdote in der Literatur, den Künsten, der Historiographie und der Kritik. Sie soll in ihrer Eigenschaft als „Äquivokem“ (Joel Fineman) in den Blick genommen werden, als konstitutiv zweideutiges Gebilde, in dem Fiktum und Faktum übereinander geblendet und zum Ereignis verdichtet sind. Welche unterschiedlichen Funktionen übernimmt die Anekdote in den verschiedenen Kontexten, da doch etwa ihr erzählerischer Charakter die Historiographie, ihre strikte Referentialität die Dichtung, ihre Singularität und Unwahrscheinlichkeit das Abstrahierungs- und Systematisierungsbegehren einer Reihe von Wissenschaftstraditionen vor je besondere Probleme stellt?
Der Workshop fokussiert drei Fragestellungen. Wie lässt sich, erstens, die unwahrscheinliche Evidenz einer Anekdote verstehen? Diese Frage ist verknüpft mit der Frage nach der Funktion von Anekdoten in Projekten der Gegengeschichtsschreibung und der Historiographie von Minderheiten und Subalternen. Betroffen von der Frage nach dem Anekdotenwissen ist aber auch jene Anekdotik, die eher zweifelhaften Intentionen folgt und beispielsweise als beglaubigende Erzählung vom „Dabeigewesensein“ zum Zwecke der Herstellung und Erhaltung von Deutungshoheit ins Werk gesetzt wird (ein in der Kunstkritik offenbar besonders verbreitetes Phänomen).
Die zweite Frage betrifft den Zusammenhang von schriftförmiger Anekdote und mündlichem Klatsch. Ist die Anekdote eine Realisierung der generischen Form „Klatsch“, eine spezifische Form dieses Klatsches sozusagen, in der mit Rücksicht auf bestimmte Kanäle und Formate einzelne Elemente der generischen Form gestaltet, andere verworfen, wieder andere systematisch ausgeschlossen werden? Macht die Anekdote das subversive Potential des Klatsches für das Feld des Textes produktiv oder hegt sie, mit Blick auf die Eigenschaften des dauerhaften Mediums, dessen „Wildheit“ gezielt ein?
Die dritte Frage zielt auf die gender-, queer- und wissenschaftstheoretischen Implikationen der Anekdotenkritik. Die Anekdote ist so oft, so scharf und so grundsätzlich als Genre des „Geschwätzes“ kritisiert worden, dass bereits das Faktum ihres Einsatzes danach zu verlangen scheint, als eigensinniges Statement analysiert zu werden, als Vollzug eines kritischen Impulses, Unvernommenes vernehmbar zu machen, verschwiegene und irritierende „Umstände“ zu lancieren, Darstellungslogiken zu unterlaufen und ein neues Wissen in einen Text hineinzutragen. In welchen Traditionslinien steht die praktisch in Szene gesetzte Rehabilitation von Anekdote und Klatsch in den Künsten und Wissenschaften?

Programm
10:00 – 10:15 Dirck Linck (Berlin): Einführung

10:15 – 11:15 Rainer Falk (Potsdam): Das Faktische und das Charakteristische: Die Anekdote bei Friedrich Nicolai und Theodor Fontane

Kaffeepause

11:30 – 12:30 Mark Potocnik (Berlin): Zwischen Literatur und Geschichte: Kluges Anekdoten

Mittagspause

14:00 – 15:00 Jan-Frederik Bandel (Hamburg): Zwei, drei, viele Raddatz. Jörg Schröder erzählt

Kaffeepause

15:15 – 16:15: François Guesnet (London): Napoleon und die türkische Kavallerie in Swarzędz. Eine Anekdote als Prisma politischer Marginalität

Kaffeepause

16:30 – 17:30: Heike-Karin Foell (Berlin): Formen des Anekdotischen im zeitgenössischen Kunstmarkt. Eine Innenperspektive

Kaffeepause

17:45 – 18:45 Fiona McGovern (Berlin): „Der Schreiner versteht alles falsch. … So entsteht Kunst“. Über das Anekdotische bei Martin Kippenberger.

Die Veranstaltung ist öffentlich, der Eintritt frei.

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