Dr. phil. Dirck Linck
Literaturwissenschaftler

“Man konnte draufkommen, daß das wichtigste Tier auf der Welt die Giraffe war. Daß all das, was die Menschen die ganze Zeit falsch gemacht hatten, und was sie weiterhin falsch machen würden, schon klar, wer hätte es ihnen verwehren oder gar ausreden sollen, nur deshalb falsch gemacht worden war, weil es keine Tradition bei den Menschen gab, sich Giraffen als Haustiere zu halten. Die Großzügigkeit, die eine richtige Hege und Pflege von Giraffen zwangsläufig fordert und lehrt, wäre es gewesen: die Eigenschaft, die die Menschen gut machen würde.”
Dietmar Dath

Veröffentlichungen u.a.

Abfälle: Stoff- und Materialpräsentation in der deutschen Pop-Literatur der 60er Jahre. Bei Amazon bestellen.
Weitere Veröffentlichungen.

AM GRAB VON JÜRGEN PETERS

Liebe Gisela, liebe Angehörige, liebe Freunde, Schüler und Kollegen von Jürgen Peters,

unter den deutschen Dichtern schrieb keiner schlichtere Verse als der Norddeutsche Matthias Claudius. Schlichtheit hat der von Geburt und habituell Norddeutsche Jürgen Peters gemocht. In Claudius’ Trauergedicht von 1773 finden sich die Worte: „Ach, wir haben heute einen guten Mann begraben, und mir war er mehr.“ In einem einzigen Vers wird hier, wird in der dichten Formel vom „guten Mann“ die Summe eines Lebens gezogen. An dessen Ende wird bezeugt, dass einer sich hat sehen lassen können vor Gott und den Menschen. Und neben die Formel tritt dieses eigentümlich unbestimmte Wort „mehr“. „Und mir war er mehr.“ Das ist eine Aussage, die darauf wartet, vom einzelnen, wenn er ihr beipflichten kann, genauer bestimmt zu werden nach der Weise, in der einer für uns „mehr“ war. Sie verschließt sich aber der öffentlichen Erörterung. Auch das hätte Jürgen gemocht, der seine Gefühle ungern veröffentlichte.
Diese Trauerfeier gibt uns zum einen die Gelegenheit, als Gemeinschaft zusammenzukommen, um einen guten Mann zu begraben. Vielleicht aber findet jeder einzelne von uns hier zugleich einen Rahmen, um in Gemeinschaft und doch ganz für sich über dieses „mehr“ nachzusinnen, das Jürgen für uns in je besonderer Weise zu sein vermochte. Wir feiern ja sein Leben, weil es unser Leben bereicherte und mitgestaltete, egal wie und wo und warum sich die Linien dieser Leben einmal getroffen haben. Wir statten einen Dank ab.
Claudius verabschiedete mit seinem Gedicht den Vater. Ich ziehe sein Gedicht heran, um mich von meinem Lehrer und Doktorvater zu verabschieden. Und im Rückblick stelle ich erstaunt fest, dass es eine Variation der Formel vom „guten Mann“ gewesen ist, die mich in den frühen 80er Jahren zu Jürgen Peters führte. Als ich nämlich damals in Hannover mein Studium aufnahm, holte ich, um mich zu orientieren, bei befreundeten Kommilitonen Erkundigungen über die Professorenschaft ein. Zum Peters solle ich gehen, sagten die Freunde; der Peters gehöre zu den „guten Leuten“. Verstärkt wurde die Glaubwürdigkeit ihres Urteils durch den Umstand, dass Kommilitonen, mit denen ich ausdrücklich nicht befreundet war, die Sache anders sahen. Der Peters sei kein „richtiger“ Wissenschaftler. Der Mann war also umstritten. Also vielversprechend.
Von jemandem zu sagen, er gehöre zu den „guten Leuten“, war zu dieser Zeit das höchste Lob in Zirkeln, die sich als irgendwie links, nonkonformistisch, bohemistisch begriffen. Aber es ist gar nicht einfach zu erklären, was dieses Lob genau bedeutete. Es bedeutete jedenfalls nicht, dass er eine bestimmte Schule repräsentierte, eine Theorie oder eine zuverlässige politische Position. Schon gar nicht bedeutete es, dass er in der Institution mächtig und vom Betrieb geliebt war. Am ehesten wurde der Begriff der „guten Leute“ durch eine ihrerseits völlig unklare Formel definiert: Gute Leute waren die, die nicht „denen ihr Spiel spielten“. Es waren also die Leute, die für jene Art von Überraschungen gut waren, die nicht dem System, sondern den Menschen zugute kommen. Leute, die einen besonderen Sound hatten, eine credibility, eine eigensinnige Haltung, die sich ihrer Idiosynkrasien nicht genierten und das Spiel gegen die Regeln spielten. Diese guten Leute gab es in allen Lagern, und man erkannte sie am Argwohn gegen das Lagerdenken und an der Lust, mit der sie die Abläufe ignorierten, die einen Laden, er heiße Universität oder anders, flüssig am Laufen halten.
Nach dreißig Jahren kann ich sagen: Meine Kommilitonen hatten recht. Jürgen Peters gehörte zu den „guten Leuten“. Und eben deshalb war er ein so guter akademischer Lehrer. Die guten Leute verbindet nämlich ein Widerwillen gegen das schlechte Allgemeine sowie eine große Liebe zum Besonderen, zu den Singularitäten, aus denen die Welt sich zusammensetzt. Das prädestiniert sie für die Literatur, die ja stets vom Besonderen spricht und zur Aufmerksamkeit für Besonderes erzieht. Bei Jürgen Peters erwuchs aus dieser Aufmerksamkeit eine Haltung und aus ihr ein welthaltiger Habitus, der seltsam alterslos blieb. Irgendwann fiel ein Bart, aber bis ins Alter erhielt sich diese Erscheinung von bis ins Körperliche hineinreichender Lebendigkeit, Offenheit, Coolness und Neugier auf Realien, die ganz und gar unakademisch anmutete.
In seinen Seminaren – Vorlesungen hielt er ungern, weil er das Monologisieren nicht mochte – gab er der Ausnahme so ausgiebig den Vorzug vor der Regel, dass bei ihm am Ende stets die Regel selbst auf dem Spiel stand und sich vor den Einzelheiten rechtfertigen musste. Fast zu einem Motiv wird in seinen Arbeiten ein Satz, den ich immer sehr geliebt habe: „Es kommt ja nicht jeder!“ Ein großer und folgenreicher Satz, weil er die Gerechtigkeits-Taliban so dumm aussehen lässt, die Ausnahmen deshalb nicht dulden wollen, weil „dann ja jeder kommen könnte“. Es kommt aber wirklich, wie Jürgen wusste, nicht jeder. Es kommt nie jeder, weshalb man die Ausnahmen, das Einzelne nicht den Pedanten überlassen darf.
Jürgen hat die Universität in diesem Sinne als einen Ort begriffen, zu dem Einzelne kommen, um – zusammen mit anderen – einzelnen Texten begegnen zu können. Dabei half er. Er war deshalb ein so guter Lehrer, weil er atmosphärisch dafür sorgte, dass dieses Zusammentreffen gelang und einzelne junge Menschen, die sich – wie es das Vorrecht der Jugend ist – nicht unter einen Nenner zu bringen vermochten, zusammen mit anderen intensive Erfahrungen mit besonderen Texten machen konnten. Jürgen ließ die Leute in der Lektüre unsicheren Gebrauch machen von unsicheren Texten. Er gab den Nenner nicht vor, sondern öffnete den Raum für ein Gespräch über Texte und ihre Leser. Er, der immer quer stand zur Institution Universität, die von neoliberalem Unfug dann so endgültig ruiniert wurde, das ihm der Abschied von ihr leicht fiel, er hat mir als Lehrer die alte Universitätsidee wie kaum ein anderer lebendig gemacht: die Idee von dem einem Ort in unserer Gesellschaft, an dem zwecklos, lustvoll und unverantwortlich gedacht werden kann und an dem das Denken sich befragen lassen muss.
Den Raum angstfreien akademischen Lernens öffnet nichts nachhaltiger als der Humor, und Jürgen war ein begnadeter Lacher. Wäre sein Leben ein Film und ich müsste DAS Bild dieses Films auswählen: Es zeigte Jürgen am seitlichen Rand – nie an der Kopfseite – des Seminarraums im Welfenschloss, wie er sich mit durchgestrecktem Rücken und einer Pfeife zwischen den Zähnen seinem Lachen hingibt, das den Körper in schaukelnde Bewegung versetzt. Diese Bewegung hat sich dann, wenn alles gut lief, auf die Studierenden übertragen. Am Ende sollten die nämlich nicht denken, was er dachte; aus sich herausgeholt haben, was er in sie hineingelegt hatte – sondern sie sollten sich trauen, sich einem „Universität“ genannten unendlichen Gespräch zu überlassen, das sie irgendwann befähigen würde, ihre eigenen Gedanken zu formulieren.
Das Lachen, das Jürgen in die Universität hineintrug, ermächtigte uns aufzudecken, was in uns steckte, während wir herauszubekommen versuchten, was alles in den Texten steckte, die Jürgen uns unbekümmert um Kanon und Renommee zugänglich machte. Seine große Offenheit zur Welt war auch eine Offenheit für die Begegnung mit den anderen, eine Neugier auf das, was im anderen unverwechselbar vernehmbar wird oder zu werden verspricht. Er half uns, unsere Stimme zu finden, indem er die Autorität seiner Stimme zugunsten der Kraft seines Lachens zurücknahm. Noch dort, wo er kritisierte, blieb Jürgen ein Ermutiger, der diesen leicht erschütterbaren Glauben, dass etwas in uns steckt, nie kaputt machte. Er konnte sehr geduldig sein in der Begleitung von Arbeiten, sehr fürsorglich in der Begleitung von Lebensläufen. Nach meinem Studium, das auch wegen ihm ein glückliches Ende nahm, blieben wir in Verbindung, im Gespräch über Bücher, Filme, unsere Leben. Erst in Hannover, dann hier in Berlin. Wir gingen essen. Nicht immer Bratkartoffeln, aber oft. Zwanzig Jahre lang. Das werde ich vermissen. Dafür möchte ich mich bedanken. Mit seiner Lieblingsformulierung: Und überhaupt!

Berlin, am 30. Januar 2014
Dirck Linck

scan00752
scan00741

Tags: , , , ,

 

„Man weiß eben nichts Genaues.“ Über Ungewissheit bei Hubert Fichte

Konferenz im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 626
„Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste“

sfb626_tagung_man_weiss_eben_nichts_genaues_bild2

29. & 30. November 2013
Ort: Literaturwerkstatt Berlin, Knaackstr. 97 (Kulturbrauerei)

Organisation: Dirck Linck

Hubert Fichte scheint so etwas wie hermeneutische Verzweiflung nicht zu kennen. Sein Werk verdankt sich im Gegenteil den im Werk reflektierten Emotionen des Staunens und der Neugier, die sich an Phänomenen entzünden, welche das Wissen irritieren und Aufmerksamkeit erregen, gerade weil über sie keine Gewissheit, kein definitives Für-Wahr-Halten erlangbar zu sein scheint.
Solche stets mit Urteilsfragen verschlungenen lustvollen Emotionen z.B. sollen im Rahmen der Tagung diskutiert werden. Welchen Status haben das Staunen und die Neugier bei Fichte? Welche Konzepte von Wissenschaft, Erkenntnis und Literatur sind mit diesen Leidenschaften verknüpft? Und wie kommen sie poetologisch zur Geltung?
Zum anderen soll es darum gehen, das entstandene multimediale Werk selbst unter dem Aspekt der Ungewissheit zu betrachten. Wie erscheint Ungewissheit auf der Szene des Textes? Wie verhält das queere Werk sich zu jenem die Regeln vorschreibenden „Gesetz der Gattung“, das Derrida in problematisch festen Überzeugungen begründet sah, bestimmte Eigenschaften könnten Genders und Genres dauerhaft definieren? Welche Überzeugungen können wir von diesem Werk haben, das unsere Gewissheiten darüber, was Dokumentarismus, was Fiktion ist, planvoll irritiert? Und was tritt bei Fichte an die Stelle dessen, was man „genau wissen“ kann?

Programm

Freitag, 29. November 2013

10.00-10.30 Dirck Linck: Begrüßung

10.30-11.30 Volker Woltersdorff: „Ich bin fiftyfifty.“ Ungewissheit und die Explosion sexueller Identität im Versuch über die Pubertät

11.30-12.30 Karin Krauthausen: Wissenschaft und Wahn. Überlegungen im Ausgang von Fichtes ethnomedizinischen und ethnopsychiatrischen Schriften

14.00-15.00 Stephan Kammer: Hubert Fichtes Barock

15.00-16.00 Manfred Weinberg: „Fäden, viele Fäden.“
Ungewisse Vermischungen in Eine glückliche Liebe

16.30-17.30 Michael Lüthy: ,Flecken‘. Zur Poetik von Cézannes späten Gemälden

17.30-18.30 Hans-Jürgen Heinrichs: Zur Aktualität der Ethnopoesie. Und: Erinnerung an eine Freundschaft und Zusammenarbeit mit Hubert Fichte

20.00 Abendveranstaltung: Thomas Meinecke liest aus seinem Roman Lookalikes

Samstag, 30. November 2013

10.00-11.00 Eckhard Schumacher: Die Ambivalenz des Ungewissen. Über Genauigkeit bei Hubert Fichte

11.00-12.00 Jan-Frederik Bandel: Monsieur Ouine. Politik und Ästhetik bei Hubert Fichte

12.30-13.30 Till Greite: Wer spricht wie bei Hubert Fichte?

15.00-16.00 Mario Fuhse: „Das Experiment ist mein Lebenssinn.“ Dichtung und Wahrheit – Hubert Fichte und die Olo

16.00-17.00 Robert Gillett: Wissenschaft – Ketzertum – Empfindlichkeit. Perverse Epistemologie bei Hubert Fichte

17.30-18.30 Gerd Schäfer: Intuitives Erfassen versus logisches Denken, oder:
Hubert Fichte als Wiedergänger der Vorsokratiker

Eine Tagung des Teilprojekts B9 „Poetiken des Unwahrscheinlichen“ (Joseph Vogl, Dirck Linck, Mark Potocnik)

Die Veranstaltung ist öffentlich, der Eintritt frei.

Finanziert aus Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Kontakt: www.sfb626.de, sfb626@zedat.fu-berlin.de, tel. 030-838-57400

plakat
flyer

Tags: , , , , , , , , , ,

 

Neu erschienen

praesenscover

Inhalt

Tags: , , , ,

 

Nicht Eins und Doch

enzenscover

Erstausgabe in der Anderen Bibliothek

dsci3683

Tags: , , , , , , , ,

 

Ästhetik des Drastischen

scan0111

Internationale Fachtagung
Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald

Organisiert von: Professor Dr. Eckhard Schumacher/Dr. Davide Giuriato

12. bis 14. September 2013

Auf dem Feld ästhetischer Theoriebildung ist mit dem Stichwort “Drastik” zuletzt ein Begriff ins Spiel gebracht worden, der im Blick auf seine dominante Rolle in der Gegenwartskultur zu widersprüchlichen Positionen Anlass gegeben hat. Einerseits wird Drastik als Modus der Darstellung begriffen, der regelmäßig die Frage nach den Grenzen der Kunst aufwirft. Andererseits finden sich Stimmen, die mit dem Drastischen weder eine bestimmte Epoche noch bestimmte Gegenstände, sondern eine genuin sprachliche Erfahrung adressieren. Im Anschluss an diese Debatte, die noch nicht über tentative Ansätze hinausgekommen ist, geht die Tagung davon aus, dass eine Ästhetik des Drastischen auf der Grundlage eines präziser umrissenen, historisch weiter ausgreifenden Begriffs zu erschließen ist. Mit Beiträgen zur Literatur sowie zu Bildender Kunst, Theater/Performance, Film und Popkultur verfolgt die interdisziplinäre Tagung das Ziel, die Ästhetik des Drastischen vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart in den Blick zu nehmen.

Referenten:

Heinz Drügh (Frankfurt am Main)
Davide Giuriato (Frankfurt am Main)
Annette Keck (München)
Ekkehard Knörer (Berlin)
Elias Kreuzmair (Greifswald)
Helmut Lethen (Wien)
Dirck Linck (Berlin)
Esteban Sanchino Martinez (Münster)
Timo Ogrzal (Hamburg)
Alexandra Pölzlbauer (Urbana-Champaign /Greifswald)
Sylvia Sasse (Zürich)
Daniela Schoenle (Berlin)
Eckhard Schumacher (Greifswald)
Martina Süess (Wien)
Jörg Trempler (Berlin)

Programm

Tags: , , , ,

 

Akademie Waldschlösschen 16. - 18. November

Schwule Gegenkultur oder Integration ins Bestehende?
Vom 16. – 18.11.2012

Die dritte Tagung zur Geschichte der Homosexuellen in Deutschland nach 1945 beschäftigt sich mit Schwulenpolitik und schwulem Leben in den 80er und 90er Jahren im Schatten der Aidskrise.

Wie weiter nach den bewegten 1970er Jahren und dem Eklat in der Bonner Beethovenhalle 1980? Ist eine auf Gleichstellung und Gleichbehandlung ausgerichtete Antidiskriminierungs- und Bürgerrechtspolitik der Weg? Weil Schwule “ganz normale Menschen” sind oder gilt es, das “Anderssein” der Schwulen als provokativen Hebel zur Veränderung der Gesellschaft zu nutzen? Geht es also darum, eigene Inhalte einer schwulen Politik zu bestimmen und die Idee einer schwulen Gegenkultur in die Praxis umzusetzen? Die AIDS-Krise, die das gesellschaftliche Klima für schwule Männer wieder rauer werden ließ, verschärfte diese Auseinandersetzung.
Die Tagung nimmt Entwicklungen der 1980er und 90er Jahre in den Blick: die Gründung von neuen schwulenpolitischen Vereinigungen wie der BVH und der SVD oder Bewegungen wie die AIDS-Hilfe; die Gründung neuer Institutionen wie das Waldschlösschen oder schwule Buchläden und Verlage bis hin zum Gang durch die Institutionen, wie z.B. in den Gewerkschaften. Sie bietet Einblicke zu Entwicklungen in der schwulen Kunst und verspricht aufschlussreiche Seitenblicke auf die Lesbenbewegung der 1980er Jahre. Ein Vergleich lohnt sich, auch im Hinblick auf die weiteren Entwicklungen in den 1990er Jahren.
Auf dieser Tagung werden historische, soziologische und politologische Studien zur Diskussion gestellt und durch Beiträge von Aktivisten und Zeitzeugen ergänzt.

I. Rückblicke auf die 1980er Jahre

Dietmar Kreutzer: Eine schwule Zeitreise durch die 1980er Jahre
Rainer Marbach: Emanzipation und Partizipation. Vom „Freien Tagungshaus“ zur „Akademie Waldschlösschen“

II. Neue Herausforderungen: Die AIDS-Krise

Michael Bochow: Hat die Aids-Krise die soziale Situation schwuler Männer in Deutschland verändert? Entwicklungen in den 1980er und 1990er Jahren
Dieter Telge: AIDS-Selbsthilfe-Bewegungen in Wechselwirkung mit schwulen Emanzipationsbestrebungen

III. Neue schwulenpolitische Verbandsstrukturen

Günter Dworek: Aufgebrochen aus Ruinen. Der Weg vom Schwulenverband in der DDR zum Lesben- und Schwulenverband in Deutschland
Stefan Mielchen: Wider die Norm: Die Lebensformenpolitik des Bundesverbandes Homosexualität 1986 – 1997
Klaus Timm: Integration durch Sichtbarkeit. Schwules und lesbisches Engagement in den Gewerkschaften seit 1980

IV. Eine neue Öffentlichkeit

Joachim Bartholomae: Klappentexte Verlage, Buchläden und Zeitschriften als Infrastruktur der neuen Schwulenbewegung

V. Im Spiegel der Kunst

Dirck Linck: Nach der Revolte: Entwicklungen schwuler Kunst in der BRD der 1980er Jahre

VI. Im Spiegel der „Bewegungsschwestern“

Christiane Leidinger: Auf getrennten Wegen – Die Lesbenbewegung der 1980er Jahre

Abschluss-Diskussion: Schwulen- und Lesbenpolitik der 1980er Jahre im Vergleich

Leitung: Dr. Rainer Marbach, Andreas Pretzel, Dr. Volker Weiß

In gemeinsamer pädagogischer Verantwortung mit dem VNB, in Kooperation mit der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und IQN e.V.; gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung
https://www.waldschloesschen.org/news/detail.php?nid=310&callback=home

Publikation der Tagung

Tags: , , , , , , , , , , , ,

 

23. November: Workshop “Funktionen des Anekdotischen”

Funktionen des Anekdotischen
Workshop des Teilprojekts B9 (Leitung: Prof. Dr. Joseph Vogl) im SFB 626 (Organisation: Dr. Dirck Linck)
Termin: 23. November 2012
Ort: Seminarraum der SFB-Villa, Altensteinstr. 2-4, 14195 Berlin

Herder rät dem Historiographen, sich der Anekdote zu enthalten, vermittle sie doch die Erkenntnis, „an wie kleinen Umständen die größesten Begebenheiten und Erfolge hangen“, und lasse eben deshalb Zweifel aufkommen an der Gesetzmäßigkeit und Vernünftigkeit des Geschichtsverlaufs. Die Anekdote erzähle davon, dass „das Schicksal ganzer Völker an die Torheit, den Neid, den Unverstand, oft an den Wahnsinn selbst, Eines oder Weniger geknüpft ist.“ Kleist wird die Anekdote aus eben diesem Grunde in Szene setzen.
Die Anekdote scheint durch eine Aufmerksamkeitsform bestimmt zu sein, die sich nicht auf Gründe, Tiefen und Wesenhaftigkeiten, sondern auf Umstände und Umständlichkeiten bezieht. Ihre Funktionen scheinen unauflöslich mit diesen Umständen verschlungen zu sein. Während die Frage „was ist“ mit einer onto-theologischen Schwere beladen ist und wohl seit Platon kaum anders kann, als sich auf verschüttete Wesenhaftigkeiten zu beziehen, muss sie umgekehrt alle anderen, umstandsbedingten Fragen in das Gebiet räsonierender Geschwätzigkeit vertreiben und eben damit zum Schweigen bringen. In Form der Anekdote kehren diese den Causeuren und Klatschbasen (Diener, Frauen, Homosexuelle) zugewiesenen Fragen zusammen mit den „illegitimen“ Stimmen immer wieder auf irritierende Weise aus dem Schweigen in die Diskurse und je spezifischen Text-„Welten“ zurück.
Das Interesse des Workshops gilt dem Einsatz der Anekdote in der Literatur, den Künsten, der Historiographie und der Kritik. Sie soll in ihrer Eigenschaft als „Äquivokem“ (Joel Fineman) in den Blick genommen werden, als konstitutiv zweideutiges Gebilde, in dem Fiktum und Faktum übereinander geblendet und zum Ereignis verdichtet sind. Welche unterschiedlichen Funktionen übernimmt die Anekdote in den verschiedenen Kontexten, da doch etwa ihr erzählerischer Charakter die Historiographie, ihre strikte Referentialität die Dichtung, ihre Singularität und Unwahrscheinlichkeit das Abstrahierungs- und Systematisierungsbegehren einer Reihe von Wissenschaftstraditionen vor je besondere Probleme stellt?
Der Workshop fokussiert drei Fragestellungen. Wie lässt sich, erstens, die unwahrscheinliche Evidenz einer Anekdote verstehen? Diese Frage ist verknüpft mit der Frage nach der Funktion von Anekdoten in Projekten der Gegengeschichtsschreibung und der Historiographie von Minderheiten und Subalternen. Betroffen von der Frage nach dem Anekdotenwissen ist aber auch jene Anekdotik, die eher zweifelhaften Intentionen folgt und beispielsweise als beglaubigende Erzählung vom „Dabeigewesensein“ zum Zwecke der Herstellung und Erhaltung von Deutungshoheit ins Werk gesetzt wird (ein in der Kunstkritik offenbar besonders verbreitetes Phänomen).
Die zweite Frage betrifft den Zusammenhang von schriftförmiger Anekdote und mündlichem Klatsch. Ist die Anekdote eine Realisierung der generischen Form „Klatsch“, eine spezifische Form dieses Klatsches sozusagen, in der mit Rücksicht auf bestimmte Kanäle und Formate einzelne Elemente der generischen Form gestaltet, andere verworfen, wieder andere systematisch ausgeschlossen werden? Macht die Anekdote das subversive Potential des Klatsches für das Feld des Textes produktiv oder hegt sie, mit Blick auf die Eigenschaften des dauerhaften Mediums, dessen „Wildheit“ gezielt ein?
Die dritte Frage zielt auf die gender-, queer- und wissenschaftstheoretischen Implikationen der Anekdotenkritik. Die Anekdote ist so oft, so scharf und so grundsätzlich als Genre des „Geschwätzes“ kritisiert worden, dass bereits das Faktum ihres Einsatzes danach zu verlangen scheint, als eigensinniges Statement analysiert zu werden, als Vollzug eines kritischen Impulses, Unvernommenes vernehmbar zu machen, verschwiegene und irritierende „Umstände“ zu lancieren, Darstellungslogiken zu unterlaufen und ein neues Wissen in einen Text hineinzutragen. In welchen Traditionslinien steht die praktisch in Szene gesetzte Rehabilitation von Anekdote und Klatsch in den Künsten und Wissenschaften?

Programm
10:00 – 10:15 Dirck Linck (Berlin): Einführung

10:15 – 11:15 Rainer Falk (Potsdam): Das Faktische und das Charakteristische: Die Anekdote bei Friedrich Nicolai und Theodor Fontane

Kaffeepause

11:30 – 12:30 Mark Potocnik (Berlin): Zwischen Literatur und Geschichte: Kluges Anekdoten

Mittagspause

14:00 – 15:00 Jan-Frederik Bandel (Hamburg): Zwei, drei, viele Raddatz. Jörg Schröder erzählt

Kaffeepause

15:15 – 16:15: François Guesnet (London): Napoleon und die türkische Kavallerie in Swarzędz. Eine Anekdote als Prisma politischer Marginalität

Kaffeepause

16:30 – 17:30: Heike-Karin Foell (Berlin): Formen des Anekdotischen im zeitgenössischen Kunstmarkt. Eine Innenperspektive

Kaffeepause

17:45 – 18:45 Fiona McGovern (Berlin): „Der Schreiner versteht alles falsch. … So entsteht Kunst“. Über das Anekdotische bei Martin Kippenberger.

Die Veranstaltung ist öffentlich, der Eintritt frei.

Tags: , , , , , , , , ,

 

Lesung am 21. Oktober 2012

Am 21. Oktober findet im Hamburger “Golem” eine Lesung aus “Batman & Robin” statt. Über Besuch würde ich mich freuen!
Ankündigung

Tags: , , ,

 

Next Stop

Hubert Fichtes Medien
Workshop, Humboldt-Universität zu Berlin
27.-29. September 2012
Tagungskonzept und -programm

Tags: , , ,

 

Interview zu “Popliteratur der 60er”

Hier ein Interview für die Reihe “artmix” zu Formen der Popliteratur Gespräch mit Julian Doepp

Tags: , , , , , ,